Die SZ über "Focus über Bayern"

Hi,

jetzt mußich heute einfach mal die SZ zitieren. Denn das ist echt lesenswert:

"Wenn’s langsam Sommer wird und vernünftige Menschen sich auf die Ferien freuen, müssen die Zeitungen Themen erfinden, die es nicht gibt. Wenn aber zufällig keine Oder bricht und sich auch kein Kinderfahrrad im Schnee fotografieren lässt, geht notfalls auch Bayern. „Die Bayern“ schreibt deshalb das Fachblatt Focus in dieser Woche vorne drauf und fährt zwischen unsauber vernähten Lederhosenträgern schneidig fort: „Ein Land polarisiert“.

Bayern ist ein Waldsee mit Bergen. Vor diesem Prospekt trinkt Joseph Kardinal Ratzinger ein Weißbier, spreizt der große Rhetor Edmund Stoiber die Finger, schaut der nicht weniger große Franz Beckenbauer businessmäßig zur Seite, strahlt Uschi Glas, stemmt Stefan Effenberg den Pokal und überlegt Ottfried Fischer, ob er da wirklich dazugehören will. Eine Heldensage ist dieses Bayern: „Wer – beispielsweise aus dem deutschen Norden“, so hebt thomasmännisch die neue Bayern-Hymne an, „zum ersten Mal nach Bayern kommt und einen Biergarten aufsucht, mag sich vorkommen wie Gulliver bei den Riesen. Alles ist größer als gewöhnlich: die Biergläser, die Portionen auf den Tellern, die Bäuche der Männer, die Brüste der Kellnerinnen...“

Gott mit dir, du Land der Bayern, denn Bayern ist ja bei Focus auch der „sagenumwobene Alpenstaat“. Erfolg wird mit Oktoberfestbrezen gemessen, die „Vorurteile“ hängen über einem herzlichen „Grüß Gott“ am Maibaum, die „Liebe“ zu Bayern bemisst sich an Segmenten eines sog. Lebkuchenherzens, und wie Bayern zu charakterisieren sei – „traditionsbewusst“, „bauernschlau“ – , begreift man am besten vermittels eines oktoberfestüblich schlecht eingeschenkten Maßkrugs.

Statt mit Kenntnissen brilliert dieses neue Bayern-Epos leider mit Hilfsschülerdeutsch, was immerhin ahnen lässt, dass die Autoren keine bayerische Bildungsanstalt durchlaufen mussten. „Der Primus“ ist Bayern angeblich. Aber was soll (gemeint ist Baden-Württemberg) der „ewige Co-Primus“ sein? Primus, habe ich jedenfalls auf einem bayerischen Gymnasium gelernt, heißt „der Erste“, basta. Bayern polarisiert; Focus deliriert: „Tradition und Moderne vereinen sich zum konstruktiven Massenschunkeln.“ Bayern, man ahnt es, ist naturidentisch mit dem Gutschein fürs Brathendl auf dem Oktoberfest.

„Bayern assimiliert schnell“, geht es lustig weiter. Wen eigentlich? Sich? Andere? Ist Effenberg schon nicht mehr von seiner Lederhose zu unterscheiden? Wird Chefredakteur Helmut Markwort seinem legendären Tagebuch immer wesensähnlicher?

Ganz unter uns: Könnte man die bekannte bayerische Duldsamkeit nicht wenigstens einen Augenblick sein lassen und dieses ganze reingeschmeckte, aufgebrezelte, trachtenhut- und hirschhorntragende Gschwerl des Landes verweisen?

Nach Berlin zum Beispiel?

WILLI WINKLER"



Ciao,
-Andi



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(am)